Das Team der Leipziger Faszienbude: Prof. Hanno Steinke und Team
Bindegewebige Hüllen gibt es nicht nur im Grossen – etwa als Muskelfaszien oder Organumhüllungen. Sie setzen sich bis ins Allerkleinste fort und bilden eine fein abgestufte Ordnung von Räumen. Fast wie in menschlichen Wohnhäusern. Hanno Steinke ist Faszienforscher. Eine Entdeckungsreise…
Der französische Handchirurg Jean-Claude Guimberteau machte diese verborgene Welt mit submakroskopischen Filmaufnahmen sichtbar. Was sich zeigt, ist eine zellarme, glasartige Landschaft: Blut pulsiert durch transparente, von Membranen umhüllte Räume. Werden diese Räume mechanisch auseinandergezogen, spannen sich schleimige Fäden von einem Raum zum nächsten. Schneidet man eine Faszie an, fliesst kein Wasser heraus: Das Wasser ist semifluide, als schleimartige Substanz in Kammern räumlich gebunden.
Solche Bilder ist ungewohnt. Die klassische Anatomie arbeitet mit Präparaten, bei denen genau diese schleimigen, wasserreichen Strukturen entfernt werden – zugunsten klarer Formen für Lehrbuch und Prüfung. Was bleibt, ist das «gesäuberte» Objekt, nicht die lebendige Realität.
Bis zum Ende der DDR war die Bindegewebsforschung ein zentrales Thema, unter anderem am anatomischen Institut in Leipzig. Die Leitfrage lautete:
Wozu dieses viele Wasser?
Wozu die Vielzahl kleinster Schleimräume und Membranen?
Durch historische Umstände blieb dieses Denken lange randständig. Doch genau hier liegt ein Schlüssel zum Verständnis der Faszien, genau hier forschen Prof. Hanno Steinke und sein Team.
Stellen Sie sich ein Zweifamilienhaus vor. Familie Schmidt und Familie Müller wohnen Wand an Wand. Eine Trennwand und ein Gartenzaun markieren die Grenze: Sie trennen – und sie verbinden zugleich.
Beide Familien haben ihren eigenen Raum, teilen aber übergeordnete Aufgaben: Dach, Leitungssysteme, Aussenbereich.
Nun herrscht bei Familie Schmidt dauernder Lärm. Die Wohnung ist gepflegt, aber die akustischen Emissionen sind stark belastend. Die Kinder sind lärmig, Türen knallen und ein Sohn spielt abends leidenschaftlich Trompete – nicht selten bis in die Nacht hinein. Für die Schmidts ist das kein Problem – für Familie Müller jedoch schon.
Familie Müller hat nun ein doppeltes Problem:
Lösungen können auf verschiedenen Ebenen ansetzen: Erziehung, Übungszeiten werden angepasst, Schallschutz als bauliche Massnahme, räumliche Entlastung. Solange der Lärm im Haus bleibt, kann das Problem intern gelöst werden. Weitet sich der Lärm aus mit Disko-Lärm, und Betrunkenen Wochenende ist plötzlich das gesamte Quartier mitbetroffen.
Wird keine Lösung gefunden, breitet sich der Konflikt aus. Die Nachbarhäuser hören den Lärm, Spannungen entstehen im ganzen Quartier. Gespräche auf der Strasse drehen sich um das Problem, Beschwerden häufen sich.
Jetzt reicht es nicht mehr, dass Familie Schmidt ihr Verhalten ändert. Das Zusammenleben im Quartier gerät aus dem Gleichgewicht. Gemeinsame Regeln, Absprachen oder Vermittlung werden notwendig.
Greift der Konflikt weiter um sich, wird die Stadt einbezogen. Behörden legen Lärmgrenzen fest, es kommen Vorschriften ins Spiel. Die Stadt kümmert sich gemäss ihrer Hierarchiestufe nicht um die einzelnen Familien, sondern um die Grundfunktionen für die Gesamtbevölkerung: Lärmbelastung, Nachtruhe, Energieversorgung, Müllabfuhr, öffentliche Ordnung usw.
Diese Aufgaben sichern das Funktionieren des Ganzen – unabhängig davon, wer auf welcher Ebene ursprünglich den Konflikt ausgelöst hat. Entscheidend ist, dass das Gesamtsystem stabil bleibt.
Analog zur Familiengeschichte Schmidt & Müller mit den drei Raumebenen Wohnung–Quartier–Stadt existiert zwischen Zelle und umgebenden Bindegewebe eine wechselseitige und hierarchisch strukturierte Abhängigkeit:
Mit anderen Worten: Es gibt es eine hierarchische Raumordnung des Kollagens, des Bindegewebes, der Faszien im menschlichen Körper. Das Denkmodell hierarchischer Raumeinheiten im menschlichen Körper hilft, Gesundheit und Krankheit nicht nur lokal, sondern räumlich, systemisch und hierarchisch zu verstehen.
Aktuelle Publikationen bestätigen zunehmend: Diese Perspektive zu erforschen ist spannend – und klinisch hochrelevant.
Hanno Steinke ist Keynote Speaker am my health congress vom Samstag, 14.11.2026 / Rapperswil. Er wird seine anatomischen Präparate auf dem LED Giant Screen zeigen und mit der für ihn typischen Begeisterung zum Leben erwecken.
The Big Five. my health congress 2026 - findet am 14.11.2026 in Rapperswil/SG im ENTRA sowie als Stream online statt. Die Teilnahme kostet CHF 280 | EUR 280.
Zur KongresswebseiteChristian Larsen / Hanno Steinke
April 2026