Bedeutend? Aber hallo!



Publikation
Neulich saß ich mit einem Freund und einem Bekannten dieses Freundes zusammen bei einem Freitagabend-Bier. Dieser Bekannte fragte mich, ob Physiotherapie denn wirklich so eine große Bedeutung habe…

…es gebe schließlich Mediziner und viele wundervolle medizinische Geräte, Gesundheits-Apps, Fitnessstudios, Diäten, Yoga und Tango. Ob es da wirklich jeden Monat Relevantes zu berichten gebe? Und überhaupt, ob wir unseren Beruf und unsere Fähigkeiten nicht gelegentlich überschätzten? Er habe es im Kreuz gehabt, der Orthopäde daraufhin eine Spritze gezückt, ein Einstich, ein Schrei, ein Loch, danach sei alles wieder gut gewesen. Warum solle er den Aufwand einer Behandlung mit mindestens sechs Terminen und schweißtreibenden Übungen auf sich nehmen, wenn es auch so gehe?

Ich holte tief Luft. Spürte dem Druck in der Gallenblasengegend nach. Wägte den Aufwand des möglichen Einsatzes ab. Vielleicht würde ein weiteres Kaltgetränk vom Thema ablenken. Aber ich konnte nicht anders: Es sprudelte nur so aus mir heraus. Physio for Future.

„Keine große Bedeutung?“ Ich zählte unsystematisch die Ahnenlinie auf, in der wir uns bewegen: Robin Hood, Mutter Teresa, Berta Bobath, Mahatma Gandhi, Siddhartha Gautama, Sebastian Anton Kneipp, John Lee Hooker, D’Artagnan, Aramis, Porthos und Athos, James Cyriax, Freddy Kaltenborn, Robert Koch, Paul Ehrlich, Hippokrates und viele weitere große Helden, die sich in ihrer jeweiligen Epoche für Fortschritt, Mildtätigkeit, Menschenwohl und wirksame Therapien einsetzten. Dann ging ich übergangslos dazu über, die Cochrane-Library zu erläutern, und erklärte die Um- und Aufbrüche der letzten 50 Jahre in 30 langen Sätzen ohne Punkt und Komma.

„Wir sind die, die samstags am Spielfeldrand stehen, während du auf dem Sofa sitzt“, sagte ich weiter. „Wir sind die, die deine Mutter nach einer Hüft-OP wieder fit machen. Unsere Stimmen übertönen die deines inneren Schweinehundes und treiben dich abends ins Fitnessstudio. Wir sind die, die tagaus, tagein Patienten behandeln, beraten, hautnah dran sind. Wir opfern unsere Freizeit für Fortbildungen. Wir sind fast immer im Dienst und wenn wir Zeit dafür hätten, würden viele von uns auch noch mit Greta um die Welt segeln um das Klima zu retten. Aber wir retten schon jeden Tag das Klima in unseren Praxen und mit den Berufsgruppen die uns umgeben.“ Ich machte eine dramaturgische Pause, unbewusst. Mittlerweile hatten einige der Kneipenbesucher ihre Köpfe gedreht und hörten mir zu. Ich sprach ganz langsam: „Frag mich also NIE WIEDER nach der Bedeutung unseres Berufs ...“
Mein Gegenüber war ganz klein geworden. Es war still im Saal. Plötzlich fing einer an zu klatschen, dann ganz viele. Jubelrufe erschallten: „Jawoll, Physiotherapie“, man zeigte auf Schultern, Knie und Rücken, „hat immer geholfen!“ Ich nickte zufrieden in die Runde.
Der Bekannte meines Freundes wollte etwas sagen. „Und nein“, kam ich ihm zuvor, „ich beantworte jetzt keine Fragen zu deinen Rückenschmerzen.“

Jörg Stanko, Physiotherapeut, Redakteur PT
Dezember 2019


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Stanko J. 2017. Und wieder locker lassen! München: Richard Pflaum Verlag

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