Tänzerfuß: Der hohe Spann

Taenzerfuesse

medizin Die schöne Linie des Fußes ist nicht nur im klassischen Ballett ein angestrebtes Schönheitsideal. Auch im zeitgenössischen Tanz gilt der überstreckte Fuß als Zeichen von Kraft und Dynamik. Das birgt Gefahren.

Im Spitzenschuh ist der hohe Spann als ästhetische Verlängerung der Beinachse das Idealbild der klassischen Linie. Egal wohin man blickt, der maximal streckbare Fuß ist im professionellen Tanz oft erwünscht. Doch dieses ästhetische Idealbild birgt für Tänzer auch Gefahren. Kaum ein anderer Hochleistungssport belastet den Fuß so stark wie der Tanz. Maximale Streckung auf Halbespitze oder Spitze, extreme Flexionsposition im Plié vor großen Sprüngen. All diese Bewegungen fordern eine außergewöhnliche Flexibilität des gesamten Fußes. Schuhe kommen als Stütze kaum zum Einsatz. Ganz im Gegenteil wirken Spitzenschuhe oder High-Heels sogar noch weiter belastend auf den Fuß ein. Viele Tänzer arbeiten barfuß auf oft nicht sonderlich geeigneten Böden. Der Fuß ist maximal gefordert, seine Flexibilität und Stabilität bestimmen Eleganz, Bewegungsfluß und Balance. Gerade diese Fähigkeiten sind es, die beim hohen Spann verloren gehen können.

Schön oder gesund?
Das Bauprinzip des Fußes ist schematisch mit einer Spirale zu vergleichen: Gelenke, Bandstrukturen und Muskelzüge verlaufen in einer spiraligen Verschraubung um den Fuß, von hinten außen (der Außenseite der Ferse) nach vorne innen (zum Großzehenballen). Die beiden Enden der Spirale – Vorfuß und Ferse – verschrauben sich sozusagen in entgegengesetzter Richtung: Der Vorfuß dreht nach innen, die Ferse nach außen. So entsteht die dynamische dreidimensionale Struktur des gesunden Fußes. Die Verschraubung ist Grundlage für die Dynamik des Fußes. Bricht sie zusammen, kommt es zum Knickfuß mit Überlastungen und Schmerzen im Bereich der Ferse und an der Fußinnenseite. Bei „Über-Verschraubung“ entsteht ein Hohlfuß, der seine Mobilität verliert, er wird rigide (unbeweglich) und damit problematisch für den Tanz. Studien zeigen: Die Hohlfußdeformität ist auf dem Vormarsch. Bereits jedes sechste Kind leidet darunter, Tendenz steigend. Hohlfüße machen Schmerzen, die Deformität und Unbeweglichkeit nimmt im Laufe des Lebens immer weiter zu. Keine gute Grundlage für Tänzer, die ihren Fuß über Jahre und Jahrzehnte täglich extremen Belastungen aussetzen. Und doch findet man Hohlfüße gar nicht so selten im Tanz. Denn sie bieten oft das ästhetische Bild des hohen Spannes und werden damit im Tanz bevorzugt ausgewählt. Hat der hohe Spann also ausgedient? Müssen wir auf die ästhetische Beinachse zu Gunsten der Gesundheit verzichten?

3-Stufen-Modell: Trauen Sie Ihren Augen!

Hohlfüße belasten den gesamten Körper, im Tanz ganz besonders. Das Auswahlkriterium „hoher Spann“ verleitet dazu, gerade diese problematischen Füße verstärkt dem Tanz zuzuführen. Eine gefährliche Entwicklung! Die steigenden technischen Anforderungen der heutigen Choreographien sind nur mit einem außerordentlich belastbaren Körper zu leisten. Die Füße als Basis des Körpers sind dabei der Grundstein. Nicht der hohe Spann, sondern der stabile und flexible Fuß sollte daher das Auswahlkriterium für Tänzerfüße sein. Ein 3-Stufen-Test im Ballettsaal hilft bei der Differenzierung:
Einem Hohlfuß kann man auch ohne medizinische Fachkenntnisse auf die Schliche kommen, mit einem einfachen Fußabdruck. Dafür eignen sich Finger- oder Wasserfarben, mit denen man die Fußsohle einfärbt wie einen Stempel und auf Papier bringt:

Erster Schritt
Der Tänzer stellt sich mit voller Belastung auf den vorher mit Farbe bemalten Fuß. Ist der dabei entstandene Fußabdruck geteilt, d.h. zwischen Vorfuß und Ferse ist kein Verbindungssteg zu erkennen, so könnte es sich um einen Hohlfuß handeln. Ist zwischen Vorfuß und Ferse ein deutlicher Verbindungssteg zu erkennen, so kann ein Hohlfuß ausgeschlossen werden. Weitere Untersuchungen sind nicht mehr nötig.

Zweiter Schritt
Der statische Fußabdruck wird wiederholt, diesmal jedoch unter besonderer Beachtung der Ferse. Der Tänzer soll beim Abdruck die Ferse bewusst gerade belasten und keinesfalls auf die Innenseite knicken. Ist nun ein Verbindungssteg zwischen Vor- und Rückfuss sichtbar, liegt ein Knick-Hohlfuß vor. Dieser sollte therapeutisch verbessert und trainiert werden, um die typischen Probleme des Knickfußes präventiv anzugehen. Fehlt der Verbindungssteg weiterhin, handelt es sich wahrscheinlich um einen echten Hohlfuß, der dringend tanzmedizinischer Abklärung bedarf: Mobilitätsverlust und damit deutlich erhöhte Verletzungsgefahr drohen.

Dritter Schritt
Wurde in Schritt zwei ein Hohlfuß festgestellt, kann die Ausprägung noch weiter untersucht werden. Dazu wird erneut ein Fußabdruck durchgeführt, nun aber in der Dynamik: Der Tänzer macht einen Schritt über das Papier. Normalisiert sich nun der Fußabdruck, so handelt es sich um einen dynamischen Hohlfuß, welcher durch präventives Training und Therapie weiterhin mobil gehalten werden kann. Bleibt der Fußabdruck hingegen unverändert, also zweigeteilt, besteht die Gefahr eines rigiden Hohlfußes; eine tanzmedizinische Abklärung ist der nächste Schritt.

Der Teufel steckt oft im Detail
Zwei Drittel aller Tanzverletzungen sind im Fußbereich lokalisiert. Sehnenentzündungen, Blockaden im Fußwurzelbereich, Bandverletzungen und Stressfrakturen führen die Verletzungsstatistik an. Viele dieser tanztypischen Beschwerden werden durch das Vorliegen eines Hohlfußes begünstigt. Die ausgeprägte Bogenform des Fußes führt zu Überlastungen, Muskeldysbalancen und Mobilitätsverlust. Fehlende Mobilität und damit oft verbundene Fehlstatik kann auch zu Kompensationsmechanismen führen, die weit über den Fuß selbst hinausgehen. Auch Knie- oder Hüftschmerzen können durch einen rigiden Fuß bedingt sein. Die fehlende Dynamik im Fuß belastet das gesamte Bein. Die Stöße werden nicht mehr im Fuß selbst, sondern in den anschließenden Gelenken kompensiert. Überlastungen sind vorprogrammiert.

Fazit: Prävention ist immer besser als Therapie, das gilt ganz speziell für Tänzerfüße.

Dr. med. Liane Simmel
5. Mai 2011

Ärztin, Osteopathin, Spiraldynamik® Practitioner, Sportmedizin, Tänzerin,
Vorstand tamed, Tanzmedizin Deutschland e.V. Institut für Tanzmedizin „Fit for Dance“, München