Gängiger Irrtum: Gehen ist Fortbewegung durch Muskelantrieb

Medizin Gehen – eine angeborene Fähigkeit? Jeder tut’s seit vier Millionen Jahren - jeder kann’s. Ja, aber nur scheinbar! Gehen ist eine Kunst, sie zu verstehen reine Wissenschaft. 

Wussten Sie, dass sich der Arm beim Zurückschwingen niemals rückwärts bewegt? Daß für die Fortbewegung auf zwei Beinen das Bremsen fast wichtiger ist als der Antrieb? Daß beim Gehen das Knie ohne Einsatz der Kniestreckmuskeln gestreckt werden kann?

Am Anfang war der Körperschwerpunkt – die physikalische Mitte des Menschen. Diesen Schwerpunkt gilt es beim Gehen schwungvoll durch Raum und Zeit voranzutreiben. Er, der Schwerpunkt, befindet sich knapp unterhalb des Nabels und bewegt sich beim Gehen auf und ab, hin und her, sogar vor und zurück. Ein Schrittzyklus beginnt mit dem Aufsetzen der Ferse und endet mit dem Ablösen der Zehen. Beim Aufsetzten der Ferse befindet sich der Rumpf noch weit hinter dem Bodenkontaktpunkt, der Schwerpunkt ist entsprechend tief. Im nächsten Moment befindet sich der Rumpf direkt über der Standfläche, der Schwerpunkt ist jetzt ein paar Zentimeter höher, um im nächsten Moment wieder nach unten zu sinken.

Durch ein ausgeklügeltes System von Verlängerung und Verkürzung wird das ewige, energiefressende Auf und Ab minimiert. Beim Abstoßen beispielsweise ordnet sich der Fuß in Verlängerung der Beinachse ein, was zu einer funktionellen Beinverlängerung von 20 cm führt. Dem Schwerpunkt bleibt so eine rasante Talfahrt erspart. Und umgekehrt wird – wenn der Rumpf exakt über dem Fuß steht – automatisch das Knie 20° gebeugt, was dem Schwerpunkt einen unökonomischen Gipfelsturm erspart. Schritt für Schritt. Das Biomechanik-Labor zeichnet Bewegungsspuren in Raum und Zeit exakt auf. Der Schwerpunkt beschreibt beim Gehen eine 3D-Sinuskurve. Zwei Schlangenlinien –  die eine Auf-und-Ab, die andere Links-und-Rechts – ergeben zusammen eine Spiralbahn. Die sich Schritt-für-Schritt im pulsierendem Rhythmus verlangsamt und wieder beschleunigt.

Nehmen wir an, Gehen verbraucht 200 Watt, was der Leistung zweier 100-Watt Glühbirnen entspricht. Lediglich ein Drittel dieser Leistung wird durch Muskelarbeit erbracht, zwei Drittel durch ausgeklügelte Schwerpunktverlagerung. Dieser „fällt“ ein paar Zentimeter nach unten, die so gewonnene Energie wird in den Muskeln und Sehnen zwischengespeichert und gleich für den nächsten Aufschwung genutzt. Das Prinzip funktioniert wie bei einer Achterbahn. Diese 3D-Pendelmechanik hat einen erstaunlich hohen Wirkungsgrad, zwei Drittel der Energie werden so zurückgewonnen.

Die effektiv zu leistende Muskelarbeit verteilt sich auf Bremsmanöver mit anschließender Beschleunigung. Was beim Autofahren verpönt ist, ist beim Gehen gang und gäbe. Jeder Gangzyklus besteht aus zwei Brems- und zwei Beschleunigungsmanövern. So funktioniert es im Detail: Die Ferse setzt am Boden auf, die Oberschenkelmuskulatur muß prompt den Aufprall und das Gewicht abbremsen, ansonsten wir bei jedem Schritt in die Knie gehen. Darauf die erste Beschleunigung: Unserer Allerwertester sorgt dafür, daß der Körperschwerpunkt nach vorne kommt. Apropos Popo: Der stärkste Muskel des menschlichen Körpers ist ein richtiger Schwerarbeiter. Er katapultiert den Oberkörper nach vorne, dieser nutzt die Chance und setzt gleich zu einem riskanten Überholmanöver an. Er überholt sozusagen die Beine, was gewiß mit einer unsanften Bauchlandung enden würde, wäre da nicht der zweite Bremser vom Dienst: Der Wadenmuskel verhindert ein Vorkippen der gesamten Konstruktion, speichert mit perfekter Effizienz die  Energie, um sie gleich wieder für ein kräftiges Abstoßen freizugeben.

Muskelarbeit dient mehr der Kontrolle von Schwerkraft und Schwerpunkt denn dem Antrieb. Äußere Kräfte führen das Zepter beim Gehen. Die Streckung des Kniegelenks beim Abstoßen beispielsweise. Jeder unbedarfte Mensch würde sich zur Annahme verleiten lassen „Klar, es ist die Knie-Streckmuskulatur, die das Knie beim kräftigen Abstoßen streckt.“ Irrtum. Die Aufklärung bedarf schon fast höherer biomechanischer Weihen, aber nur fast: Im ruhigen Stehen beispielsweise balancieren wir den Schwerpunkt automatisch so, daß seine Kraftlinie knapp vor die Kniegelenke zu liegen kommt. Ohne Muskelanspannung werden die Kniegelenke sanft nach hinten gedrückt und bleiben wie von alleine gestreckt. Beim Gehen ist es genau gleich. Sie erinnern sich, Becken und Oberkörper auf der Überholspur: Der Körperschwerpunkt wird nach vorne katapultiert und überholt den am Boden haftenden Fuß. Die Schwerpunkt-Kraftlinie wandert mit nach vorne und liegt kurz vor dem Abstoßen vor dem Kniegelenk. Das Resultat kennen Sie bereits: eine superökonomische Kniestreckung ohne Muskelspannung.

Ach ja, da ist noch die Geschichte mit dem Arm, der sich beim Zurückschwingen nicht rückwärts bewegt. Des Rätsels Lösung ist ganz einfach - es ist wieder das Überholmanöver: Während des Zurückschwingens des Armes bewegt sich der Oberkörper nach vorne. Wenn Sie im fahrenden Zug einen Wagen nach hinten gehen, bewegen Sie sich auf den Zug bezogen nach hinten, absolut gesehen aber nach vorn, dem Zielbahnhof entgegen.

Spiraldynamik® und die Kunst des Gehens. Ökonomie, Effizienz und Intelligenz der Bewegung greifen nur richtig, wenn das Skelett dynamisch gestimmt wird. Löst sich die Ferse beispielsweise zu früh vom Boden, zwingt dies das Knie zu verfrühter Beugung, die automatisierte Kniestreckung geht flöten, die Wadenmuskulatur verliert an Kraft und Vordehnung, die Belastung auf den Vorfuß vervielfacht sich, der Spreizfuß ist programmiert. Das Skelett will in jeder Phase des Gangzyklus richtig plaziert sein, damit die Muskulatur optimal arbeiten kann. Das steigert die Leistung, fördert die Gesundheit und hebt die Stimmung.

Dr. med. Christian Larsen
27. Februar 2006