30'000 mal: Übung macht den Meister

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Bewegungslernen
30'000 mal muss eine Bewegung wiederholt werden, bis sie „fliessend“ beherrscht wird. Wahrheit oder Mythos? Gibt es Abkürzungen auf dem Weg zur perfekten Bewegung in Sport und Kunst?

Das Phänomen des Im-Bewegungsfluss-Seins – im Englischen The Zone oder auch The Flow  genannt – wurde wissenschaftlich untersucht: Wenn Aktivität und Aufmerksamkeit in einander verschmelzen, wenn Bewegung und Bewusstsein eins werden, beginnt das Gehirn anders zu arbeiten. Linke und rechte Gehirnhälfte nehmen die Bewegung in unterschiedlichen Qualitäten wahr – daraus entsteht ein verändertes Zeiterleben. Die Zeit wird langsamer, das Auge schneller, die Präzision perfekter, das Bewusstein klarer.

Beim Fahrrad fahren genügt einmal: Wer einmal Fahrrad fahren kann, verliert die Fähigkeit zeitlebens nicht mehr. Hier gilt: „Wer einmal übt, bleibt ein Meister“. Ganz anders Piloten! Wer länger als zwei Wochen nicht mehr im Cockpit sass, muss in den Flugsimulator. Die komplexen Abläufe und Reflexe müssen immer wieder trainiert werden. Ähnlich geht es Musikern und Chirurgen – nach dem Motto „Auch ein Meister muss immer wieder üben“.

Zu Beginn der modernen Forschung wurde Bewegung als Summe von Muskelkontraktionen verstanden. Die therapeutische Elektrostimulation von Muskeln ist ein Relikt aus dieser Zeit. Anschliessend kam die Ära der grossen Reflextheorien. Bewegung wurde als Muskelkontraktion plus Reflexantwort interpretiert. Power-Plates & Co (siehe Artikel http://www.spiraldynamik.com/Newsletter/31200__ausprobiert_20041210_powerplate.htm) finden hier ihre Wurzeln. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts begann sich der kognitive Ansatz durchzusetzen. Das Grosshirn wird jetzt ganz gross geschrieben. Verstehen und Erleben von Bewegungen, Verhaltenstraining und Aufmerksamkeit sind die magischen Worte unserer Zeit. Die Bewegungsgleichung enthält jetzt Muskeln, Nerven und – endlich – Bewusstsein. Die Bewegung entsteht aus dem Bewusstsein heraus. Der Mensch möchte etwas bewegen, etwas erleben, etwas ausdrücken. Daraus entwickelt das Grosshirn zweckmässige Bewegungsprogramme. Der gesamte Körper mit allen Muskeln, Gelenken und Nerven wird dabei zum Feedback-Organ. Er meldet dem Bewusstsein on-line, ob und wie das Ziel erreicht werden kann. Das Bewusstsein begleitet nicht, es initiiert. Der Körper bewegt nicht, er wird bewegt!

Intelligentes Bewegungslernen und Flow wollen gelernt sein. Es bedarf einer ungeteilten Konzentration und eines authentischen, emotionellen Investments auf eine klar definierte und begrenzte Aufgabe! Wer das Ziel unmittelbar vor Augen hat, sich der Aufgabe ohne Ablenkung widmen kann und Erfolg oder Misserfolg direkt erlebt – der lernt schnell. So lernen Säuglinge gehen und Kinder Fahrrad fahren. Eigenmotivation, Wahrnehmungsgefühl, Veränderungsbereitschaft und Lockerheit lautet die heisse Mischung der geborenen Jung- und Jüngst-Experten. Sie leben uns vor, was wir im Alltag oft ignorieren: Bewegungsintelligenz ist lernbar!

Dr. med. Christian Larsen
Juni 2005